Die Eroberung Trojas – ein Sieg per excellence?

Die Belagerung Trojas dauerte zehn Jahre. Dann griff Odysseus zur bekannten List mit dem hölzernen Pferd. Die Geschichte ist als Erfolgsgeschichte der Griechen bekannt. Aber war das ein Sieg per excellence?

Die Griechen waren schon im zweiten Jahr der Belagerung Trojas ihres verlustreichen Kampfes müde. Denn sie hatten mit einer raschen Eroberung gerechnet. Währenddessen zogen sie sich nach waghalsigen Angriffen auf die Burg immer wieder in ihr notdürftig befestigtes Lager zurück, das aus hölzernen Hütten in Küstennähe bestand. So, wie es uns Homer 800 vor Christus beschreibt.

Die Lebenserwartung der Griechen um 1000 vor Christus lag bei gerade einmal 40 Jahren. Und es handelte sich nicht um irgendjemand, sondern um die Tapfersten und edelsten Fürsten der griechischen Hemisphäre, die sich dieses langwierige und kostspielige Abenteuer leisteten, während wichtigere Aufgaben in der Heimat Attika auf Erledigung warteten. Insofern darf man die Bezwingung der Festung Trojas wohl einmal kritisch hinterfragen.
Warum hat das so lange gedauert und was war der Preis? Dabei lassen wir einmal ganz außer Acht, dass es ja „bloß“ um die Rache einer (freiwilligen) Entführung ging, nämlich den sogenannten Raub Helenas, der Braut des Spartanerkönigs Menelaos.
Die Rechnung für das abenteuerliche Unterfangen, das sich die Griechen leisteten, ist schnell aufgemacht:

  1. Die Griechen kamen nach spätem Sieg über Troja zurück in ihr eigenes Land, das ihnen in der Zwischenzeit mehr als fremd geworden war.
  2. Agamemnon, der Oberbefehlshaber der Griechen, wurde gleich nach Ankunft aus Troja von seiner Gattin und dem Nebenbuhler erschlagen.
  3. Odysseus Flotte ging mit gesamter Beute in den Stürmen der See verloren. Sein Schiff konnte sich als einziges retten. Er hat das sehr beklagt und zahlreiche Irrfahrten danach blieben ihm nicht erspart. Auch Odysseus fand seine Heimat und Unternehmung Ithaka, dessen König er war, nach den vielen Jahren in jämmerlicher Verfassung vor.

Der Preis war zu hoch, wie jeder Unternehmenslenker von heute zielsicher weiß. Was haben die nachher durch Jahrhunderte besungenen und gefeierten Griechen vor Troja falsch gemacht, fragt sich der Organisationspsychologe?

Das griechische Heer war schlecht organisiert. Ihre Nachschublinien waren nicht gesichert. Statt gegen Troja anzurennen und die Stadt im Handstreich zu nehmen, mussten sie erst einmal Plünderer ausschicken, um das Notwendige zum Überleben zu besorgen. In der Zwischenzeit waren die in der Festung Troja gewarnt und bereiteten sich nach allen Regeln der damaligen (Kriegs)Kunst auf die Belagerung vor. Man muss den Griechen anrechnen, dass sie von dem seinerzeit gefahrvollen Seeweg völlig abhängig waren. (Just in time gab es erst später.)

Aber nun gehen wir einmal rein ins Geschehen und schauen uns an, wie sie sich sonst aufstellen und organisieren. Dabei sehen wir einen Reigen von Unzulänglichkeiten.
Als sich die Griechen in Aulis mit ihren Schiffen versammeln, bestimmen sie einen Oberbefehlshaber. Wie von selbst wird das Agamemnon, der Bruder Menelaos und König von Mykene, der die meisten Schiffe aufbringt.

Als Fürst unter Gleichen bringt er den anderen Königen höchsten Respekt entgegen. Von außen betrachtet und aus der Sicht des Helden, ist das ein durchaus schöner und zuvorkommender Zug. Agamemnon ist sich seiner eigenen Stärke und Macht bewusst, aber beansprucht keine Befugnisse und stellt das Einvernehmen mit den anderen Fürsten vornan. Das rächt sich unmittelbar in der Krise, schon inmitten des Kampfgeschehens vor Troja, spätestens als sich Achilles mit seinen Thessaliern beleidigt ins Feldlager zurückzieht.
Das muss man sich vorstellen! Weil Agamemnon dem Achilles zwei Sklavinnen als Kriegsbeute vorenthält, geht der (heldenhafte) Strolch aus dem Gefecht. Die Trojaner nutzen diese Verwirrung gnadenlos aus und dringen darauf durch die hinteren Linien ins Feldlager der Griechen. Sie drohen das gesamte griechische Heer zu zerreiben.

Umsonst betteln und bitten die Griechen den berühmten Achill, wieder ins Kampfgeschehen einzugreifen. (Ein Kriegsgericht gibt es nicht.) Als der Held sich dann doch wieder in Rüstung begibt, geschieht es allein, den geliebten Freund Patroklus zu rächen, dessen Leiche der Trojaner Hektor mit wildem Geschrei triumphierend um die Burg zieht. Achilles tut es mit der Leiche Hektors dann gleich. Auch an dieser Stelle offenbaren sich merkwürdige und disziplinlose Gepflogenheiten: Der Anführer löst sich zur Feier seines Triumphs von der eigenen Truppe und macht sich zudem zur Zielscheibe gegnerischen Pfeil- und Wurfbeschusses.

Überhaupt agiert das griechische Heer nur ansatzweise als Gruppe: Jeder Kämpfer strebt für sich nach persönlichem Ruhm. Den wenigen, mit Rossen bespannten Streitwagen der Anführer macht man ehrfürchtig Platz. Es wird eine Gasse gebildet, damit sie sich im Zweikampf Siegeslorbeeren an vorderster Front holen. Sie sind, was noch den deutschen Fürst des Mittelalters ausmacht, im wahrsten Sinne des Wortes Herzog, also jener, welcher vor dem Heere herzog. In der Regel bezahlt das der Herzog alsbald mit dem Leben und die Truppe mit vollkommener Führungslosigkeit.

Das griechische Heer, das es zu Homers Zeiten nicht anders wusste, kämpft gar nicht in Masse, schon gar nicht in Gruppen organisierte Einheiten, sondern letztlich Mann gegen Mann. Wer erschöpft vom Schwertfechten ist, ruht aus und schaut den Zweikämpfen zu. Es gibt Szenen auf dem Schlachtfeld, da die Zweikampfgegner gemeinsam pausieren und ihr Brot miteinander teilen. Dann stehen sie auf und fechten mit roher Kraft auf Leben und Tod gegeneinander weiter. Jeder sucht sich seine Aufgabe selbst und versucht, möglichst tapfer und ruhmvoll zu sein.

Die Anführer führen insofern, als sie den Kriegern als Tapferste erscheinen, quasi als Vorbild, und die Mitstreiter in Kampfrausch versetzen. Es gibt keine oder kaum operative Aktionen aus der Gruppe heraus, die planvoll und geführt erscheinen. Jedenfalls berichtet die Illias nicht davon. Jeder ist sein eigener und auf sich gestellter Held.

Kein Wunder, dass Trojas Belagerung zum Desaster wird. Und nur ein glücklicher Umstand vermeidet, nämlich Odysseus Kriegslist mit dem Holzpferd, die vollständige Niederlage der Griechen.

Aus heutiger Sicht hätten wir uns mit Odysseus, dem gewitzten Schlaukopf, vor seiner abenteuerlichen Reise nach Troja, etwas zur Organisation ausgedacht. Denn die Sache mit dem Holzpferd ist vage und funktioniert, da sie sich bald herumspricht, sicher nicht zweimal.

© Intelligenz System Transfer Dreilinden